9. Tag So 18.1.26
Das Aufwachen am 9. Tag ist… sagen wir: anspruchsvoll.
Zum einen wegen des Weckers.
Der klingelt nicht aus Spass, sondern weil wir auf keinen Fall riskieren wollen, dass Tom seinen Flug verpasst. Das wäre organisatorisch schwierig und emotional vermutlich noch schlimmer.
Zum anderen genau aus diesem Grund.
Weil Tom uns heute Richtung Schweiz verlässt. Und plötzlich fühlt sich selbst der Wecker persönlich beleidigend an.
Und dann dieser Blick aus dem Fenster.
Strahlende Sonne.
Blauer Himmel.
Lappland von seiner allerschönsten Seite.
Ein Tag, der schreit: Bleib noch ein bisschen.
Und wir denken alle das Gleiche.
Es gibt ein improvisiertes Frühstück, während Tom die letzten Sachen zusammenpackt. Kein grosses Brimborium, eher funktional – der Kopf ist ohnehin woanders.
Und dann schafft er es tatsächlich noch, uns einen letzten Früchte-Master-Teller herzurichten.
Ein Abschied in Scheiben geschnitten.
Vielen Dank, Tom.
Nicht nur für heute.
Die Vitamine werden uns in den nächsten Tagen zwar nicht komplett fehlen – wir kriegen das irgendwie hin –
aber der Teller wird nicht annähernd so aussehen wie deine Kunstwerke.
Das wissen wir jetzt schon.
Dann ist es Zeit, sich Richtung Kittilä aufzumachen.
Warum uns die Sonne an diesem Morgen so anlacht, ist uns nicht ganz klar. Vielleicht Ironie. Vielleicht einfach Lappland.
Vor uns liegt wieder einmal diese wundervolle Prachtwelt aus Schnee, Licht und Weite. Finnland im Bilderbuchmodus. Still, grosszügig und völlig unbeeindruckt von unseren Gedanken.
Wir könnten jetzt noch vieles darüber erzählen.
Über das Licht.
Über den Moment.
Über das Gefühl.
Aber manchmal lässt man einfach Bilder sprechen.
Weil selbst uns in diesem Augenblick nicht nach Worten ist.
Wir kommen gut voran und sind punktgenau am Flughafen Kittilä.
Mit diesem Ort sind wir bekanntlich noch nicht ganz im Reinen – ihr kennt ja unsere Anreise.
Aber darum geht es jetzt definitiv nicht.
Wir verabschieden uns von Tom.
Wünschen ihm einen guten Flug.
Und ein baldiges Wiedersehen in der Schweiz.
Keine grossen Worte.
Kein Drama.
Stille.
Nach zweimal leer schlucken und gut zehn Minuten Stille fahren René und Ivo schnurstracks Richtung Levi. Zügig. Zielorientiert. Ohne Umwege.
Dort versorgen wir uns mit den nötigsten Lebensmitteln für den zweiten Teil des Urlaubs. Nichts Luxuriöses, nur das, was man zum Überleben und halbwegs guten Laune braucht.
Zusätzlich steht noch ein eher technischer Punkt auf der Liste: Rohrreiniger für die Toilette.
Die hat seit heute Morgen beschlossen, nicht mehr mitzuarbeiten. Auch das gehört dazu.
Wir haben es super eilig.
Nicht wegen des Einkaufs.
Nicht wegen der Toilette.
Sondern weil wir unbedingt das Wetter nutzen wollen, um euch in der guten Stube noch ein paar Eindrücke zu hinterlassen. Licht, Stimmung, dieser Moment – das wartet nicht.
Kelohovi kennt keine Pausen.
Nur Prioritäten.
In Windeseile verlassen wir Levi wieder und machen uns auf den Rückweg. Aber natürlich nicht, ohne uns zwischendurch die Zeit zu nehmen, ein paar schöne Erinnerungen in die Knipskiste zu packen. Manche Momente lassen sich einfach nicht liegen lassen.
Nach einer Rückfahrt von gut eineinhalb Stunden, inklusive diverser spontaner Stopps, kommen wir wieder beim Kelohovi an. Und da ist klar:
René ist on fire.
Die Sonne steht perfekt, das Licht ist weich, fast magisch. Rund um das Haus wird jede Perspektive abgegangen, jeder Winkel geprüft, alles eingefangen, was diese Stimmung hergibt.
Man sieht es ihm an:
Jetzt passt alles.
Jetzt muss man draussen sein.
Jetzt wird festgehalten, was bleibt.
Der Toilette wird der Kampf angesagt.
Ohne Diskussion.
Ohne Rückzugsmöglichkeit.
Eine volle Stunde lang wirkt das Wundermittel, begleitet von skeptischen Blicken und vorsichtigem Optimismus. Und dann – ganz unspektakulär, aber umso befriedigender – kann sie wieder … wie vorgesehen. Sieg auf ganzer Linie.
Währenddessen bleibt natürlich niemand untätig.
Die Küche wird auf Vordermann gebracht, Oberflächen sortiert, Spuren beseitigt, Ordnung hergestellt. Parallel dazu entstehen beste Bilder, denn das Licht wartet nicht, nur weil gerade Sanitärgeschichte geschrieben wird.
Kelohovi-Alltag eben:
Rohr frei.
Küche sauber.
Speicherkarte voll.
Während René und Ivo bereits die nächsten Tage planen, läuft im Hintergrund das Master-Finale im Snooker. Ruhig, konzentriert, meditativ – bis der Hunger irgendwann zu gross wird und der Koch einmal mehr zur Kelle greift.
Tom, du fehlst schon.
Niemand kann Mise en Place so gut wie du.
Und plötzlich bleibt alles an mir hängen.
Aber gut – ich schaffe es.
Irgendwie.
Zum Essen gibt es diesmal allerlei Gemüse. Eine Art kulinarische Sammelaktion: Ratatouille aus Karotten, Peperoni, Zwiebeln und Knoblauch. Alles rein, was Charakter hat.
Der Stampf von gestern wird in Form gebracht und gebraten – Recycling auf Kelohovi-Niveau. Das Rotkraut wird nochmals aufgewärmt, weil gute Dinge Wiederholungen vertragen. Und das Schweinefilet wird sorgfältig mariniert, als hätte ich alles im Griff.
Am Ende passt es.
Wie immer.
Kelohovi kocht weiter.
Auch ohne Mise-en-Place-Meister.
Ja, leider merken wir es: Jemand fehlt.
Und zwar nicht nur emotional – auch ganz praktisch. Die Sauna will bespasst werden. Mit Holz. Mit Wasser. Mit Aufmerksamkeit. Dinge, die sich bekanntlich nicht von selbst erledigen.
Aber gut.
Auch diese Hürde nehmen wir.
Ohne Jammern.
Mit leichtem Seufzen.
So steht nach dem guten Essen dem nächsten Programmpunkt nichts mehr im Weg.
Ein echtes Drama auf dem Bildschirm: Overtime und Penaltyschiessen im Eishockey – **SCL Tigers gegen HC Lugano. Spannung bis zum letzten Schuss. Puls inklusive.
Und danach?
Ganz entspannt.
Ein gemütlicher Saunagang, so wie er sein soll.
Schweiss draussen.
Ruhe drin.
Kelohovi funktioniert weiter.
Auch wenn jemand fehlt.
Im Anschluss an die Sauna muss natürlich auch noch ein Jacuzzi-Gang drinliegen. Alles andere wäre schlicht unhöflich gegenüber dem Tag. Erst danach begeben wir uns wieder zurück in die gute Kelohovi-Stube, weichgekocht und zufrieden.
Nachtrag:
Dieser ohnehin schon wunderschöne Tag im Norden Finnlands hatte offenbar noch nicht genug geliefert. Am Abend füllt sich der Himmel plötzlich mit Nordlicht.
Und wir?
Wir sitzen im Jacuzzi.
Schauen nach oben.
Und starren in einen Himmel, der gerade alles richtig macht.
Nordlicht über uns.
Warmes Wasser um uns.
Stille ringsum.
Was willst du mehr?
Was könnte das noch toppen?
Ihr wisst es selbst.
Wenn wir zu dritt wären.
Etwas geschafft von all den Eindrücken lassen wir uns irgendwann in der warmen Stube nieder. Kein grosses Drama, eher dieses kollektive „jetzt reicht’s langsam“.
Wir schauen noch die Entscheidung des Masters im Snooker. Konzentriert. Ruhig. Fast meditativ. Vorbereitungstraining für das, was noch kommen soll.
Denn danach starten wir tatsächlich noch einen weiteren Film: Train Dreams.
Ein guter Streifen, ruhig, intensiv, mit Anspruch. Genau richtig – zumindest theoretisch.
Praktisch sieht es so aus:
50 % schaffen es, den Film „nach Hause zu bringen“.
Die anderen verlieren komplett die Kontrolle über das Wachbleiben. Ohne Gegenwehr. Ohne Vorwarnung. Einfach weg.
Kein Scheitern.
Nur ehrliche Müdigkeit.
Kelohovi zählt keine Abspänne.
Kelohovi zählt Tage.