8. Tag Sa 17.1.26
Der Samstag ist geprägt vom frühen Aufstehen.
Nicht freiwillig.
Das Lauberhornrennen ruft. Und wenn das Lauberhorn ruft, dann gehorcht man. Punkt.
Es entsteht ein wildes Mischmasch aus TV schauen und Frühstück machen. Keiner weiss genau, was gerade wichtiger ist, aber beides läuft parallel. Mehr schlecht als recht, aber mit Überzeugung.
Der Künstler ist natürlich schon wieder aktiv.
Er hantiert mit Früchten, als gäbe es kein Morgen, und zaubert erneut ein kleines Meisterwerk auf den Tisch. Farbe, Form, Präzision – alles da.
Der Rest der Truppe hingegen versucht noch, langsam im Tag anzukommen. Augen offen, Körper anwesend, Geist irgendwo zwischen Bett und Startnummernliste.
Kelohovi am Samstagmorgen:
Weltklasse-Sport im Fernsehen,
Kunst auf dem Frühstückstisch
und Menschen, die dringend Kaffee brauchen.
Nach unserem Master-Brunch mit dem obligatorischen 3-Minuten-Ei – wie jeden Tag, keine Experimente – konzentrieren wir uns dann doch noch ernsthaft auf das Rennen.
Die Übertragung läuft längst.
Inhaltlich allerdings mehr bla bla als Abfahrt. Viel Einordnung, wenig Schnee.
Leider nicht mehr Hüppi und Russi.
Und den Büxi hat man offenbar auch verpasst zu verpflichten – ein Fehler, der schmerzt.
Stattdessen kommentiert der Kugelblitz Beat Feuz gemeinsam mit jemandem, der vom Skifahren ungefähr so viel versteht, wie wir vom Frühaufstehen. Aber der Meinung ist, er tue es.
Wir hören zu.
Wir nicken.
Und schauen trotzdem lieber auf die Strecke.
Der Tag ist nicht unbedingt ein sensationeller.
Ein Damoklesschwert hängt über dem Haus.
Es ist Toms letzter Tag im Kelohovi.
Nächste Woche warten wichtige Termine, die ihm leider nicht erlauben, den gesamten Urlaub mit uns zu geniessen. Realität – unangenehm, aber hartnäckig.
So beginnt er langsam, mit spürbarer Wehmut, seine Utensilien zusammenzusammeln. Kabel hier, Kleidung dort, Technik überall. Man merkt schnell:
Ein kleines bisschen mehr Ordnung wäre hilfreich.
Nicht viel.
Nur so viel, dass man alles schneller wiederfindet
und vor allem nichts vergisst.
Zum Beispiel die Speicherkarte der Kamera.
Die wäre schon noch wichtig.
Kelohovi verzeiht vieles.
Aber vergessene Speicherkarten gehören definitiv nicht dazu.
Uns ist natürlich bewusst, dass wir morgen Tom zum Flughafen fahren werden.
Und genau deshalb geniessen wir diesen Abend umso mehr.
Noch ein paar Whisky.
Ein bisschen Nachdenken.
Viel Erinnern an eine richtig gute gemeinsame Zeit.
Der Tag selbst ist ohnehin nicht auf unserer Seite.
Nicht wirklich schön.
Es schneit seit Stunden durchgehend, gut 15 Zentimeter kommen einfach so dazu. Als hätte Lappland gemerkt, dass Abschiede schwer genug sind, und noch etwas Stimmung drauflegen wollte.
Also machen wir das einzig Richtige:
Wir überlassen Tom die Wahl der heutigen Filme.
Wenn schon Abschiedsstimmung,
dann wenigstens mit dem richtigen Programm.
Der Filmnachmittag wird mit Triple Frontier eröffnet.
Eine spannende Geschichte, ordentlich Action, viel Bum-Bum – genau das, was man erwartet, und nichts, was einen emotional überfordert.
Dazu gibt’s Whisky, Bier und diese finnischen Käse-Bällchen.
Eine Spezialität, die definitiv nicht von Menschen mit guten Absichten erfunden wurde.
Der Mechanismus ist perfide:
Man nimmt einen.
Nur einen.
Aus Höflichkeit.
Fünf Minuten später fragt man sich,
wer zur Hölle die ganze Packung leergefressen hat.
Antwort: alle.
Gleichzeitig.
Unbewusst.
Der Film läuft.
Der Whisky fliesst.
Die Käse-Bällchen verschwinden.
Ein ganz normaler Nachmittag im Kelohovi.
Dann beginnt auch schon die Zeit fürs Kochen.
Die Küche steht bereit für ihren Einsatz, der Koch ebenfalls. Konzentration hoch, Humor noch vorhanden.
Wir wollen Tom einen würdigen Abschluss seines Urlaubs bereiten. Also geben wir uns heute ganz besonders Mühe.
Auch in der Küche.
Vor allem in der Küche.
Keine Abkürzungen.
Keine Ausreden.
Heute wird nicht improvisiert – heute wird abgeliefert.
Kelohovi weiss, wie Abschiede funktionieren:
Man sagt nichts Grosses.
Man kocht einfach gut.
Der Käserisotto, sorgfältig vorbereitet vom Messerkünstler persönlich, wird aufgesetzt. Kein Schnellschuss, kein Rühren ohne Sinn – heute mit Haltung.
Dazu wandert eine ordentliche Menge Pilze direkt mit ins Risotto. Nicht dekorativ, sondern substanziell. Pilze sollen arbeiten, nicht nur gut aussehen.
Ergänzt wird das Ganze mit Chickenfilet und einer richtig guten Sauce, von der man später behaupten wird, sie sei „zufällig“ so gelungen.
Selbstverständlich trinken wir zuerst den restlichen Wein von gestern.
Aus Respekt.
Aus Ordnungssinn.
Und weil offene Flaschen nicht über Nacht bleiben sollten.
Erst danach wird die nächste Flasche angegangen.
Man ist ja schliesslich konsequent.
Ein würdiger Abend kündigt sich an.
Und Tom merkt langsam,
dass Abschiede im Kelohovi gefährlich gut schmecken.
Das Nachtessen scheint allen geschmeckt zu haben.
Raz faz sind die Teller leer. Keine Analyse, keine Nachfragen, kein „war gut“. Leere Teller sind Aussage genug.
Direkt im Anschluss beginnt die wirklich wichtige Diskussion:
Welchen Film pfeifen wir uns als Nächstes rein?
Aber halt.
Noch wichtiger: Sauna oder Jacuzzi?
Und genau hier wird klar:
Diesen ganzen Mist haben wir uns selber eingebrockt.
Weil wir jedes Mal versuchen, noch eine Schippe draufzulegen. Noch etwas besser, noch etwas mehr, noch etwas gemütlicher. Das Resultat:
Wir wissen bald nicht mehr,
womit wir anfangen sollen –
falls wir überhaupt noch anfangen wollen.
Kelohovi-Problem erster Welt:
Zu viele gute Optionen.
Zu wenig Energie.
Wir entscheiden uns ganz einfach.
Zu einfach, um wahr zu sein.
Wir starten einen Film: The Union.
Der Plan ist klar: Film läuft, Körper liegt, Kopf schaltet langsam ab.
Sobald die Sauna auf Temperatur ist, wird der Standort verlegt. Ohne Diskussion. Ohne Heldentum. Einfach aufstehen und rüber.
Danach geht’s noch gemütlich ins Jacuzzi.
Kein Stress.
Kein Zeitplan.
Über uns ein glasklarer Sternenhimmel. Heute leider ohne Nordlicht – zumindest zu genau diesem Zeitpunkt. Aber wir sind nicht kleinlich. Sterne reichen völlig.
Wir sitzen im warmen Wasser, schauen nach oben, lassen den Blick treiben und wärmen dabei nicht nur den Körper, sondern auch all das Erlebte dieses Urlaubs nochmals auf.
Still.
Zufrieden.
Und mit dem sicheren Gefühl:
Das hier war genau richtig.
Der Rest des Films wird natürlich noch zu Ende geschaut.
Man fängt schliesslich nichts an, um es dann liegen zu lassen. Prinzipien sind wichtig.
Danach entscheiden wir uns noch für einen weiteren Film.
Warum?
Gute Frage.
Es könnte sich um eine gezielte Verdrängungstaktik handeln, die wir uns kollektiv einverleibt haben.
Denn tief drinnen wissen wir es alle:
Wir wollen einfach nicht wahrhaben,
dass unser Schnitzkünstler, Sauna-Master, guter Freund
und quasi Fast-Gründungsmitglied
uns morgen verlässt.
Also drücken wir auf Play.
Noch einmal.
Nicht, weil wir den Film unbedingt sehen wollen.
Sondern weil Abschiede einfacher sind,
wenn sie noch ein bisschen warten müssen.
Also schauen wir uns noch Balkan Line an.
Nicht aus reiner Begeisterung, sondern aus strategischen Gründen. Ziel ist es, so müde zu werden, dass wir der Situation nicht noch stundenlang die Synapsen verdrehen müssen.
Der Plan geht auf.
Nach dem Film ist relativ schnell asta la vista, Bett. Keine Nachbesprechung, keine Zusatzschleife, kein „nur noch schnell“.
Denn wir wissen:
Morgen müssen wir pünktlich und schmerzlich Tom am Flughafen Kittilä abliefern, damit er in der Schweiz von seinen Liebsten empfangen werden darf.
Sabine und Nora warten schon sehnsüchtig.
Wir gönnen es ihnen.
Uns tut es trotzdem weh.
Gute Nacht, Kelohovi.