3. Tag Mo 12.1.26
Der erste richtige Morgen im Kelohovi beginnt irgendwann. Wann genau, weiss keiner – vermutlich weiss es nicht mal der Morgen selbst. Wichtig ist nur: Alle leben, alle haben geschlafen, und niemand meldet akute Beschwerden. Unter Berücksichtigung des Alters einiger Beteiligter darf man das als medizinisches Wunder einstufen.
Der Master-Schnitz-König übernimmt das Kommando und erschafft sein erstes Tageskunstwerk. Kein Firlefanz, kein Chichi – Frühstück. Knoblauchwurst, Pfefferwurst, Joghurt, Käse, ein Drei-Minuten-Ei mit militärischer Präzision, Früchte, Fruchtsaft und Brot. Das Brot ist nicht frisch. War es gestern nicht. Wird es morgen auch nicht sein. Aber es ist gut. Sehr gut sogar. Klassisch finnisch: zäh, ehrlich und absolut unbeeindruckt von unserem Urteil.
Butter ist reichlich vorhanden, denn irgendjemand hat irgendwann entschieden, dass in Finnland alles mit Butter besser wird – und niemand hat je widersprochen. Der Tisch ist voll, die Stimmung stabil, die Zeit weiterhin komplett egal.
So startet im Kelohovi ein ganz normaler Tag: satt, leicht respektlos, hervorragend versorgt und mit der leisen Gewissheit, dass hier niemand vor Mittag irgendetwas Produktives plant. Und genau so soll es sein.
An diesem ersten Tag wird im Kelohovi selbstverständlich optimiert. Nicht hektisch, nicht planlos, sondern mit der ruhigen Entschlossenheit von Menschen, die überzeugt sind, dass alles besser läuft, wenn man noch ein bisschen daran herumschraubt.
Zwischendurch tun wir aber auch das, was man im Urlaub offiziell tun sollte: Wir erholen uns von den Strapazen der Anreise. Das geschieht hauptsächlich im Sitzen, gelegentlich im Liegen und immer mit dem beruhigenden Wissen, dass heute niemand irgendetwas von uns erwartet.
Parallel dazu wird Holz geholt. Viel Holz. Nicht aus Romantik, sondern aus purem Überlebensinstinkt. Die Hütte muss auf eine Temperatur gebracht werden, die es erlaubt, Gedanken zu fassen, Finger zu bewegen und Entscheidungen zu treffen, ohne dass sie sofort einfrieren.
Nachdem alle gefühlt wichtigen Dinge erledigt sind – also genau die, die sich im Nachhinein als absolut notwendig rechtfertigen lassen – bleibt keine Wahl: Die Medientechnik muss geprüft werden. Gründlich. Kritisch. Und selbstverständlich mit einem Film. Der neue LED-Beamer hatte gestern noch nicht restlos überzeugt, was allerdings weniger ein Problem als vielmehr eine Einladung ist. Wir wissen alle: Das sind Einstellungen. Ganz sicher Einstellungen. Und nichts, was man nicht mit Geduld, Diskussionen und mindestens einer weiteren Filmszene in den Griff bekommt.
So vergeht der erste Tag im Kelohovi: ein bisschen Arbeit, viel Erholung, ausreichend Holz und eine technische Überprüfung, die verdächtig nach Genuss aussieht. Urlaub eben.
An diesem ruhigen Tag beschlossen wir dann, auch noch etwas richtiges zu machen. Wobei „richtig“ relativ ist. Eigentlich handelte es sich um ein Experiment, das man bei dieser Kälte einfach irgendwann machen muss, wenn man schon mal hier ist: kochendes Wasser in die Luft schleudern und beobachten, wie es sich augenblicklich in Dampf, Eis und kollektive Begeisterung verwandelt.
Natürlich reicht es nicht, das einfach zu tun. Es muss dokumentiert werden. In Slow Motion. Damit die Natur auch weiss, dass wir das ernst meinen. Originellerweise übernimmt René die Hauptrolle. In stattlicher Lappland-Montur, irgendwo zwischen Polarforscher und Mensch, der eindeutig zu viel Freude an diesem Plan hat.
Die Vorbereitungen ziehen sich. Kamera, Einstellungen, Position, Winkel, Wind, Wasser, Timing – erstaunlich viele Faktoren für einen Moment, der im echten Leben ungefähr eine halbe Sekunde dauert. Aber genau das ist Kelohovi: Dinge, die einfach aussehen, werden mit maximalem Aufwand perfektioniert.
Am Ende steht René bereit, das Wasser kocht, die Kamera läuft, und wir alle sind uns einig: Wenn man schon friert, dann wenigstens mit Stil. Und in Zeitlupe.
Mit gerade einmal zwei Versuchen haben wir tatsächlich brauchbares Filmmaterial im Kasten. Ein Beweis dafür, dass Erfahrung, Kälte und eine gewisse Portion Sturheit manchmal effizienter sind als jede Planung. Da noch Zeit bleibt, beschliessen wir folgerichtig, auch Toms Künste festzuhalten – wenn man schon filmt, dann richtig.
Am Ende stehen drei Szenen, die sich sehen lassen können. Sauber eingefangen, gut durchdacht und völlig übertrieben für das, was sie darstellen. Alles im Kasten. Erfolgreich wie immer, würden wir sagen. Und niemand widerspricht.
Im Anschluss fassen wir einen äusserst vernünftigen Beschluss: Der Aufbau des Jacuzzi wird auf morgen verschoben. Nicht aus Faulheit, sondern aus meteorologischer Weitsicht. Das Wetter zeigt Einsicht, verspricht gnädiger zu werden und ganze 15 Grad mehr. In diesen Regionen ist das kein kleines Detail, sondern eine neue Lebensphase.
So geht dieser ruhige Tag im Kelohovi nahtlos weiter – mit gelungenem Filmmaterial, grossen Plänen für warmes Wasser und der beruhigenden Erkenntnis, dass Geduld hier nicht Stillstand bedeutet, sondern Teil der Strategie ist.
Zum Dessert werden kurzfristig noch ein Satz Kabanossi auf den Grill gelegt. Eine Entscheidung aus dem Bauch heraus, wie sie im Kelohovi traditionell die besten ist. Die Würste sind wie immer ein Schmaus – zuverlässig, ehrlich und genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort.
Dieses Mal allerdings begleitet von klassischem Senf Turun Sinappi. Ultra scharf. Also nicht „ein bisschen pikant“, sondern rein, direkt und ohne diplomatische Absichten. Nicht alle Kelohovianer sind restlos begeistert. Pure Schärfe ist eben nicht jedermanns Sache, selbst dann nicht, wenn man sich weit draussen in der Pampa befindet und theoretisch genug Platz hätte, um dem Brennen zu entkommen.
Doch auch das gehört dazu: leichte Tränen in den Augen, kurze Diskussionen über Sinn und Unsinn extremer Schärfe und das stille Eingeständnis, dass man es beim nächsten Mal wahrscheinlich wieder genau so machen wird.
Kelohovi eben.
Wir entschliessen uns völlig spontan für einen Film.
Warfare – ein Film oder doch eher eine Dokumentation? Ganz sicher sind wir uns nicht.
Restlos überzeugt sind wir nicht.
Nicht emotional abgeholt, nicht euphorisch, eher sachlich interessiert. Trotzdem schauen wir ihn konsequent zu Ende. Disziplin muss sein, auch beim Mittelmass.
Im Anschluss gibt es einen Satz Kabanossi. Bewährt. Verlässlich. Diskussionlos akzeptiert.
Danach folgt die Vorbesprechung fürs Nachtessen – ein ernstes, strategisches Meeting mit grosser Tragweite.
Was gibt es?
Wann?
Wie viel?
Kelohovi eben.
Selbst spontane Entscheidungen enden hier in Planung.
In der Tat: Zum ersten Mal, seit es Kelohovi für uns gibt, existiert kein vorgefertigter Menüplan.
Ein Novum.
Fast schon revolutionär.
Alles wird täglich entschieden. Spontan. Situativ. Hungergetrieben.
Gekocht wird, was Sinn macht – oder was gerade laut genug ruft.
Und heute ruft der Blumenkohl.
Aus dem Backofen, versteht sich. Dazu Pommes Rigolette und ein Entrecôte. Bodenständig, ehrlich, ohne theatrale Einlagen.
Allerdings setzt diese neue Freiheit auch Verantwortung voraus:
Der Koch sollte nun langsam mit dem Kochen beginnen.
Rein zeitlich.
Damit es dann am Ende auch tatsächlich etwas zu essen gibt.
Kelohovi bleibt flexibel.
Aber hungrig wird hier niemand freiwillig.
Anhand der Gesichter – dieser selten ehrlichen Messinstrumente – lässt sich eindeutig feststellen:
Das Essen hat gepasst.
Restlos.
Alles.
Aufgegessen.
Kein Krümel, kein Kommentar, kein „vielleicht etwas weniger Salz“. Für den Koch die höchste Form der Anerkennung. Freude pur, still genossen, innerlich gefeiert.
Danach folgt, wie es sich gehört, das standardisierte Abendprotokoll:
Espresso.
Kaffee.
Whisky.
Zigarre.
Alles exakt in dieser Reihenfolge. Nicht aus Gewohnheit – aus Überzeugung.
Wir lassen uns in die richtigen Kinosessel fallen (es gibt falsche, aber die meidet man), während der nächste Film mit mittlerweile endgültig perfektionierten Einstellungen über die Leinwand flimmert. Bild? Referenzklasse. Ton? Grenzwertig gut. Atmosphäre? Unangemessen angenehm.
Kelohovi läuft.
Und wehe, jemand ändert was daran.
Einen kleinen Unterbruch gönnen wir uns diese Nacht.
Nein – kein Nordlicht.
Viel wichtiger: Der erste richtige Saunagang zu dritt steht an.
Das muss festgehalten werden.
Keiner ist krank.
Keiner schläft bereits.
Alle anwesend.
Alle einsatzfähig.
Was gibt es Schöneres, als bei arktischer Kälte den legendären 50-Meter-Lauf durch die Natur in Angriff zu nehmen, um sich anschliessend bei 110 Grad freiwillig in eine Sauna zu setzen. Reiner Menschenverstand, nordische Logik.
Und danach?
Natürlich der Jump ins Weisse.
Zumindest René.
Die anderen zwei zarten Pflänzchen benötigen noch etwas Eingewöhnungszeit. Mentale Vorbereitung. Spirituelle Ausrichtung. Eventuell ein weiteres Leben.
Kelohovi eben.
Man wächst hier.
Oder man friert.
Den spannenden Film Diablo schauen wir tatsächlich bis zum Ende.
Und ja – er erhält locker 100 % bessere Bewertung als sein Vorgänger. Nicht weil er perfekt ist, sondern weil er weiss, was er sein will. Das reicht hier völlig.
Danach wird es aber selbst für die beinahe unermüdlichen Kelohovianer Zeit, den Rückzug anzutreten. Die Energiereserven sind noch vorhanden, aber die Vernunft klopft leise an.
Denn morgen steht der Jacuzzi-Aufbau an.
Und wir wissen alle: Das wird erneut eine Mammutleistung. Schwer, kalt, unpraktisch – genau unser Terrain.
Kelohovi schliesst für heute.
Der Norden bleibt.
Wir gehen schlafen.