2. Tag So 11.1.26
Ein Sonntag zwischen –35 °C, Lachs, Technik und Müdigkeit
Die erste Nacht im Kelohovi war, als wären wir nie weg gewesen.
Alle waren müde – also richtig müde. Diese Art von Müdigkeit, bei der selbst das Umdrehen im Schlaf als sportliche Höchstleistung gilt. Entsprechend tief, fest und völlig weltabgewandt war der Schlaf.
Natürlich hält dieses Glück nicht lange. Die gestrigen Eskapaden melden sich zuverlässig zurück, spätestens in dem Moment, in dem der Wecker meint, er müsse sich wichtig machen. Aufstehen. Realität. Miet-Karren. Kittilä.
Aber hey – Lappland wäre nicht Lappland ohne Zweckoptimismus: Wenn man schon leidet, dann wenigstens effizient. Auto zurückbringen bedeutet automatisch Sonntagseinkauf. Vorräte auffüllen, als stünde ein kleiner atomarer Winter bevor.
So beginnt der Tag: leicht verkatert, schwer motiviert, aber organisatorisch wieder einmal absolut souverän.
Kelohovi eben.
Leider meldete sich bei Tom an diesem Morgen auch noch ein ordentliches Kopfweh. So eines, das nicht fragt, sondern einfach da ist.
Was uns selbstverständlich nicht davon abhält, zuerst ein standesgemässes Kelohovi-Frühstück einzunehmen (ihr kennt es ja: viel, deftig, kompromisslos).
Danach wird Tom kurzerhand auf „out of order“ gesetzt. Nicht kaputt, nur temporär ausser Betrieb. Passiert den Besten.
René und Ivo übernehmen das Tagesgeschäft und machen sich auf den Weg nach Kittilä – Autotausch. Dieses Jahr mit einem besonderen Bonus: Die Hausbesitzerin stellt uns liebenswürdigerweise ihren eigenen Wagen zur Verfügung. Finnische Gastfreundschaft, Version „nimm halt mein Auto“.
Die Kälte lässt dabei keine Diskussion zu. Wir sitzen im Auto wie schlecht getarnte Polarforscher: vermummt, Mützen tief ins Gesicht gezogen, Handschuhe an, alles was der Kleiderschrank hergibt. Würde jemand reinschauen, er würde an einen missglückten Banküberfall im Eis glauben.
Und die Kälte ist gnadenlos ehrlich. Sie deckt schonungslos auf, welche Fahrzeuge echte Wintermaschinen sind – und welche lediglich so tun, als hätten sie schon mal Schnee gesehen. Manche Autos verlieren hier schneller ihre Würde als wir beim Frühstück.
Lappland testet.
Und Lappland urteilt.
Der Wagen heizt exakt null Grad. Also wirklich null. Keine Andeutung von Wärme, kein Versuch, kein guter Wille. Wir frieren uns tapfer Richtung Levi, innerlich schon leicht kristallisiert, äusserlich immer noch optimistisch.
In Levi angekommen steigt René in den definitiven Urlaubskarren um – man erkennt ihn sofort: warm, ruhig, vertrauenswürdig. Ivo hingegen fährt weiter Richtung Flughafen Kittilä, bereit für die nächste Disziplin der Lappland-Olympiade.
Tanken bei –35 Grad.
Eine Tätigkeit, die man nicht erklären kann, sondern erleben muss. Finger verlieren in Rekordzeit ihre Funktion, der Tankdeckel wirkt beleidigt, und alles dauert doppelt so lange wie geplant. Aber: kein Problem. Auch das haben wir im Griff. Natürlich.
Kleine Anekdote am Rande:
Ivo fährt den Miet-Karren und bemerkt plötzlich im Display diverse Alarme aufleuchten. Viele. Zu viele. Symbole, die definitiv nichts Gutes verheißen, sich aber im ersten Moment nicht eindeutig zuordnen lassen. Moderne Fahrzeuge lieben Drama.
Irgendwann dämmert es mir.
Kurzer Anruf bei René mit der Bitte, er möge sich – wenn irgendwie möglich – mit seinem Auto sehr nahe an mein Allerwertestes setzen. Rein vorsorglich.
Die Fahrt geht weiter.
Ohne Probleme.
Auch wenn René zu diesem Zeitpunkt praktischerweise noch den Autoschlüssel von meinem Wagen bei sich trägt.
Lappland eben.
Manchmal fährt man Auto, manchmal fährt einen das Leben.
Nun zur grossen Disziplin.
Einkauf in Levi.
Nur die Besten schaffen diese Angelegenheit an einem Sonntag in Levi.
Denn wenn es den Touristen zu kalt ist zum Skifahren, Langlaufen oder sonst irgendetwas Sinnvolles zu tun, dann gibt es genau eine logische Konsequenz:
Alle – wirklich alle – stehen als komplette Familienverbände im gleichen Supermarkt wie wir.
Sie kaufen nichts.
Sie brauchen nichts.
Aber sie sind warm.
Und sie stehen.
Überall.
Eine bekannte Disziplin hier oben: Im Weg stehen als Lebensaufgabe.
Das muss man können. Das lernt man nicht. Das kommt mit dem Norden.
Wir hingegen gehen professionell vor. Gekonnt, routiniert und ohne Blickkontakt füllen wir zwei Einkaufswagen mit allem, was uns ernährungstechnisch für die nächsten sieben Tage am Leben hält. Nicht mehr, nicht weniger. Prioritäten sind klar gesetzt.
Und dann der Schlag ins Gesicht der Zivilisation:
Der Alkohol. Der Name sagt es schon.
Sonntag. Geschlossen.
So müssen wir schweren Herzens auf ein paar Flaschen guten Wein verzichten.
Ein Opfer, das wir bringen.
Nicht freiwillig.
Aber tapfer.
Lappland prüft nicht nur Körper und Fahrzeuge –
sondern auch den Charakter.
Nach dem Einkauf geht es direkt zurück nach Kelohovi, um nach unserem Tom zu schauen und zu prüfen, ob sich seine Kopfschmerzen zumindest in Richtung Lebensfreude bewegt haben.
Wieder beginnt der bewährte Materialtransfer von der Hauptstrasse ins Kelohovi. Nicht ideal. Nicht elegant. Aber so ist es nun mal. Lappland fragt nicht, Lappland fordert.
Im Haus treffen wir Tom nicht an.
Kein Tom.
Kein Leidender.
Stattdessen: on fire.
Die Kopfschmerzen müssen sich in Luft aufgelöst haben. In unserer Abwesenheit hat er die Sauna hergerichtet, sämtliches technisches Equipment organisiert und sogar den Jacuzzi vom Dachstock heruntergeholt. Ein Mann, der kurz zuvor noch ausser Betrieb war.
Wir verstauen den kompletten Einkauf in Windeseile – nicht aus Freude, sondern aus strategischem Kalkül. Dieser Punkt muss erledigt sein, damit wir uns endlich den wirklich wichtigen Themen widmen können.
Technik.
Denn erst wenn Kabel liegen, Geräte angeschlossen sind und irgendetwas unerwartet piepst, beginnt der wahre Kelohovi-Alltag.
Die ganzen Utensilien, die wir gestern Nacht noch eher theoretisch ins Haus gestellt haben, liegen nun grossflächig verteilt auf dem Boden. Ein Bild irgendwo zwischen „Expedition gerade angekommen“ und „Einbruch mit System“.
Jetzt beginnt der organisierte Teil.
Also das, was wir organisiert nennen.
Installation aller technischen Errungenschaften:
Beamer, Leinwand, Multimedia-Soundsystem, Internet – schliesslich brauchen wir Zugang zur restlichen Welt, um ihr zu zeigen, wie gut es uns ohne sie geht.
Die Küche wird in Schwung gebracht, denn der Koch hat klare Vorstellungen: Ohne ideale Voraussetzungen kein Einsatz. Professionalität kennt keine Kompromisse.
Akkuladestationen für Kameras werden eingerichtet, Kabel sortiert, Geräte zugeordnet – einfach alles, was unser Leben im Kelohovi so besonders macht. Und was wir brauchen, um euch mit unendlich vielen schönen Bildern und Momenten zu versorgen.
Denn am Ende geht es um das Wesentliche:
Unser wohlverdienter Whisky, gute Zigarren, starke Filme und ein Sound, der nicht fragt, sondern wirkt.
Kelohovi ist kein Ort.
Kelohovi ist ein Zustand.
Manchmal gehen auch Dinge, die wir aus purer Selbstverständlichkeit machen, fast vergessen.
Zum Beispiel das Einrichten unserer neuen Kaffeemaschine.
Ein Vollautomat, der es in sich hat.
Gefühlt 50 verschiedene Arten Kaffee – Latte, Cappuccino und alles, was das Herz, der Kreislauf und die Lebensfreude so begehren. Wir geniessen guten Kaffee. In grosser Menge. Mit Ernsthaftigkeit.
Fast ebenso selbstverständlich wird der exorbitante Aufwand übersehen, der dahintersteckt, dass diese Reise überhaupt dokumentiert wird. Die vielen Stunden, in denen Tom und René bei wirklich schwierigsten äusserlichen Bedingungen draussen unterwegs sind, um diese wundervollen Bilder einzufangen. Kälte, Dunkelheit, Wind – alles nebensächlich.
Zurück im Haus beginnt dann erst die eigentliche Arbeit:
Bilder sichern, sortieren, sichten, verwerfen, erneut anschauen, fluchen, sich freuen.
All das passiert leise im Hintergrund, während vorne Whisky eingeschenkt wird und der Kaffee zuverlässig nachläuft.
Kelohovi ist eben nicht nur Romantik, Nordlicht und Sound –
sondern auch Disziplin.
Und sehr viel Koffein.
Langsam, aber sicher kommt das erste Menü auf den Tisch.
Vorausgesetzt natürlich, der Koch schafft es in Kürze wieder, seine ganz spezielle Art des Kochens auf dem Feuerherd umzusetzen. Eine Technik irgendwo zwischen Erfahrung, Intuition und leichtem Kontrollverlust.
Wer uns verfolgt, kennt den Speiseplan inzwischen ein wenig. Tradition ist Tradition.
Zum Auftakt gibt es immer frischen Lachs, in Knoblauch und Butter gegrillt, akkurat gegart, wie es sich gehört. Dazu ein leckeres Sößchen, Reis mit Zwiebeln und frischem Lauch – bodenständig, ehrlich, kompromisslos gut.
Für den Anfang sind die hungrigen Mäuler mehr als zufrieden. Mission erfüllt. Energiezufuhr gesichert.
Auch wenn wir aus bekannten Gründen auf den passenden Wein verzichten mussten.
Ein tragisches Detail, das wir sportlich nehmen.
Schliesslich geht es hier ums Überleben – nicht um Luxus.
Beim schmerzlich vermissten Wein greift zuverlässig die Kompensationsstrategie.
Nach dem Essen folgt ein richtiger Espresso, danach ein gut gefüllter Whisky Single Malt – die Auswahl nahezu unendlich, der Zugriff direkt und ohne Diskussion.
Was ebenfalls nicht fehlen darf: das konsequente Bequalmen der Hütte mit edlem Zigarrengenuss. Einerseits aus Überzeugung, andererseits, um den massiven Grillgeschmack von Lachs und Knoblauch wenigstens symbolisch zu neutralisieren. Funktioniert mässig – aber stilvoll.
Wir setzen uns gemütlich in die hergerichtete Stube und beginnen, den ersten Kinohit regelrecht reinzupfeifen.
Parallel dazu wird die Sauna immer wieder angeheizt, was zu kurzen Unterbrüchen beim Film Sisu 2 führt. Zweckdienlich. Schliesslich soll dem ersten Saunagang nach dem Film nichts im Wege stehen – nicht einmal die Kälte.
Anmerkung am Rande:
Zu diesem Zeitpunkt hat der Koch den Kampf gegen die Müdigkeit längst verloren.
Vollständig. Endgültig.
Weder Whisky, noch Film, noch frisch eingefangene Polarlichtbilder können ihn davon abhalten, in einen tiefen, therapeutischen Schlaf zu fallen. Der Beginn der Rehabilitierung der letzten Monate hat Priorität.
Kelohovi verzeiht viel.
Aber Müdigkeit nicht.
Nach dem spannenden Film – für die einen, während andere bereits frühzeitig abgemeldet waren – geniessen René und Tom den ersten Saunagang. Der genaue Zeitpunkt lässt sich nicht mehr definieren. Unsere Uhren stehen längst auf null, und niemand verschwendet auch nur einen Gedanken daran, wie spät es sein könnte.
Nach der Sauna folgt noch eine kurze, aber ernsthafte Diskussion, ob nicht doch noch eine Runde Kabanossi auf den Grill gelegt werden sollte. Eine legitime Frage. Eine wichtige Frage.
Doch auch hier setzt sich die Realität durch: Toms Müdigkeit erlaubt nichts mehr, ausser die Horizontale zu suchen und in die ewigen Träume abzutauchen. Mission Tagesabschluss erfolgreich abgeschlossen.
Damit beginnt für René noch ein wenig Arbeit. Still, konzentriert, fast meditativ werden einige dieser unendlich schönen Filme zusammengesetzt, die aus unzähligen Einzelbildern entstanden sind. Technik trifft Geduld.
Irgendwann – ohne Uhrzeit, ohne Protokoll – findet dann auch der letzte Kelohovianer den Weg ins Bett.
Die Hütte wird ruhig.
Der Norden bleibt wach.