1. Tag Sa 10.1.26
Samstag, 10. Januar – Die Spiele sind eröffnet (inkl. Materialschlacht)
Endlich geht’s los.
Wieder dieser Moment, in dem man beschliesst, das zivile Leben für eine Weile offiziell für überbewertet zu erklären und ins Paradies im Norden umzuziehen. Tür zu, Kopf aus, Winter an.
Alles ist vorbereitet. Wirklich alles.
So gut vorbereitet, dass man fast misstrauisch wird.
Es fühlt sich ein bisschen an wie die Olympischen Spiele – nur ohne Dopingkontrollen, dafür mit deutlich besserem Essen und neuem Equipment, das in den nächsten Tagen noch für Gesprächsstoff sorgen wird.
Mehr sei noch nicht verraten. Aber sagen wir so:
Man ist besser ausgerüstet als nötig. Wie immer.
Die grosse Frage steht natürlich im Raum:
Kann es noch besser werden als letztes Jahr?
Objektiv gesehen: nein.
Realistisch gesehen: selbstverständlich.
Denn zusätzlich zu Erfahrung, Gelassenheit und leicht gesenkten Erwartungen kommt diesmal noch eine neue Disziplin dazu:
„Was zur Hölle haben wir uns dabei gedacht – aber es ist grossartig.“
Der Norden nimmt uns wieder kommentarlos auf.
Keine Begrüssung, keine Umarmung – nur Kälte, Stille und dieses ehrliche Gefühl von:
„Schön, dass ihr wieder da seid. Jetzt macht keinen Lärm.“
Paradies: bezogen
Olympiafackel: brennt
Neues Equipment: noch verhüllt, aber bereit
Samstag, 10. Januar – Erste Disziplin: Orientierungslauf mit Flugnummer
Samstag, 10. Januar – Erste Disziplin: Orientierungslauf mit Flugnummer
Die Vorfreude bekommt einen kleinen Dämpfer.
So einen, der nicht weh tut, aber deutlich klonk macht.
Wir haben uns ja schon das ganze Jahr über an die kreativen Flugplanänderungen von Finnair gewöhnt. Mal hier ein Pfeil, mal dort ein Sternchen, alles sehr dynamisch. Aber in der Nacht auf Samstag kam dann die echte Hiobsbotschaft:
Der Flug von Helsinki nach Kittilä – findet nicht planmässig statt. Punkt.
Die Begründungen sind ein Best-of nordischer Dramatik:
Luftböen, die offenbar Flugzeuge angreifen.
Minus 40 Grad, also Temperaturen, bei denen selbst gute Ausreden einfrieren.
Personalmangel.
Und wahrscheinlich hat irgendwo auch noch jemand vergessen, Kaffee zu kochen.
Kurz: Es ist alles schuld.
Nur nicht wir.
Die neue Information lautet nun:
Wir fliegen nach Oulu.
Ein vermutlich wunderschöner Ort, 450 Kilometer südlich von Kelohovi.
Aktuell interessiert uns das aber überhaupt nicht.
Es könnte auch Dschibuti sein – Hauptsache, man sagt uns nicht, wir sollen jetzt noch begeistert sein.
Nach der Landung geht es dann weiter mit einem Reiseauto Richtung Kittilä.
Eine Strecke, bei der man ausreichend Zeit hat, über Lebensentscheidungen nachzudenken, Playlists zu bereuen und sich zu fragen, warum man eigentlich immer denkt:
„Ach, das wird schon klappen.“
Fazit des Tages bisher:
Paradies weiterhin gebucht.
Route leicht… kreativ interpretiert.
Mentale Einstellung: stabil, mit leichtem Stirnrunzeln.
Olympische Disziplin Nr. 1 erfolgreich eröffnet:
Anreise mit erschwerten Bedingungen
Fortsetzung folgt.
Wir sind ja noch unterwegs.
Samstag, 10. Januar – Umwege, Einsicht und himmlische Bestechung
Für alle da draussen, die uns verfolgen:
Ja, wir wissen, dass wir mit Widrigkeiten umgehen können.Und nein, wir werden nicht in einem Reisebus mit Wärmekissen, rheumatischer Unterwäsche und vorsichtigem Optimismus Richtung Kittilä rollen.
Wir wollen nach Kelohovi (Salanki).
Und wir wollen vorher noch einkaufen.
Und wir glauben nicht, dass ein Busfahrer nachts sagt: „Kein Problem, wir halten kurz beim Supermarkt.“
Also rotieren am Samstagmorgen die Synapsen.
Planänderung. Sofort.
Nach Rücksprache mit unserer Vermieterin – eine sehr liebe Finnin, eine echte Finnin.
Nicht kreativ-chaotisch, sondern kreativ im Sinne von: „So ist es jetzt.“
Kurz wird überlegt, die Tickets direkt auf die Malediven umzubuchen.
Gäg.
Zu warm. Zu laut. Zu viel Sand in der Seele.
Die Lösung ist klar: Mietauto in Oulu.
Stressfrei. Eigenständig. Mit Einkauf.
Nachts.
Mit Überraschung.
Richtung KELOHOVI.
Und genau irgendwo zwischen Oulu, endloser Dunkelheit und diesem Gefühl von „Jetzt sind wir wieder selbst schuld“ passiert es.
Der Himmel reisst auf.
Nordlicht.
Nicht zaghaft, nicht dezent – sondern als würde der Norden sagen:
„Okay. Ihr habt euch Mühe gegeben. Hier ist eure Belohnung.“
Wir halten an.
Man hält nicht an – man ergibt sich.
–37 Grad.
Also jene Temperatur, bei der jede rationale Entscheidung bereits erfroren ist.
Motor läuft, Türen auf, wir raus.
Der Körper protestiert, der Kopf ignoriert ihn konsequent.
Kameras kommen zum Einsatz.
Finger frieren in Sekunden ein.
Man macht Fotos, von denen man weiss, dass sie niemals das zeigen werden, was man gerade sieht.
Man macht trotzdem noch eins.
Und noch eins.
Weil man glaubt, dass genau dieses nächste Bild alles rettet.
Der Atem gefriert, das Stativ wird zur Hautfalle, die Nase meldet sich offiziell ab.
Aber wir bleiben.
Denn wer bei –37 Grad unter tanzendem Nordlicht steht, hat sich längst entschieden.
Als wir wieder ins Auto steigen, dauert es, bis die Heizung wieder Vertrauen gewinnt.
Wir sagen wenig.
Der Norden hat gesprochen.
Und wir haben verstanden.
Das war kein Zufall.
Das war ein stilles „Willkommen zurück“.
Ein Moment, der sagt:
Ihr habt den Umweg genommen. Ihr habt improvisiert. Also hier – schaut euch das an.
Kelohovi wartet.
Und wir kommen.
Akt IV – Zwei Männer, eine Strasse, null Fehlertoleranz
Tom und René teilen sich die Fahrt nach Kittilä.
Nicht aus Romantik, sondern aus Selbsterhaltung.
Die Bedingungen sind… sagen wir: nordisch ambitioniert.
Eis, Schnee, Dunkelheit – diese spezielle Mischung, bei der die Strasse mehr Vorschlag als Tatsache ist.
Die Konzentration liegt konstant bei 120 %.
Augen auf den Asphalt gerichtet, der sich irgendwo unter dem Eis vermuten lässt.
Jede Bewegung kontrolliert, jedes Lenken bedacht.
Smalltalk? Abgesagt.
Humor? Später.
Jetzt zählt nur noch: fahren.
Und sie bringen es nach Hause.
Souverän. Ruhig.
In allerbester Manier.
Akt V – Ankunft, fast. Finnisch gedacht.
Um 24:00 Uhr Schweizer Zeit bringt uns Tom souverän an den Salankjärvi.
Eine Punktlandung.
Die Art von Ankunft, bei der man innerlich schon die Schuhe auszieht und denkt: Geschafft.
Jetzt nur noch rechts abbiegen.
Das gelingt auch.
Technisch gesehen endet hier allerdings jede Form von Planung, Logik und Kundenfreundlichkeit.
Denn die klassisch finnische Kreativität hat an dieser Stelle beschlossen, Feierabend zu machen.
Der Weg ist… nicht mehr gepfadet.
Nicht geräumt.
Nicht existent.
Eher ein Konzeptvorschlag im Schnee.
Neues Konzept also:
Schneewaten in der Nacht.
Mit Gepäck.
Bei Temperaturen, bei denen Gedanken langsamer werden.
Nicht kundenfreundlich – aber: ist so.
Und an dieser Stelle möchte ich, IVO, offiziell festhalten:
Ich benake mich.
Für diese… nennen wir es freundlich: unnötige Zusatzdisziplin bei der Ankunft.
Das wäre wirklich nicht mehr nötig gewesen.
Nicht jetzt. Nicht nachts. Nicht nach dieser Anreise.
Aber wir tun es trotzdem.
Weil man hier nicht diskutiert, sondern handelt.
Schritt für Schritt.
Durch Schnee, durch Dunkelheit, durch dieses stille finnische „Das passt schon“.
Irgendwann stehen wir da.
Müde. Angefroren.
Aber angekommen.
Kelohovi ist erreicht.
Nicht elegant.
Nicht bequem.
Aber würdig.
Olympische Disziplin Nr. 4:
Nacht-Ankunft mit optionalem Schneemarsch
Akt VI – Feuer, Cabanossi und moralischer Endsieg
Rein in die altbewährte Stube.
Kaum ist die Tür zu, wird das neue Programm „2026 Finnland Attack“ gestartet.
Einfeuern.
Nicht vorsichtig.
Nicht romantisch.
Sondern heizen, was das Zeug hergibt.
Dieses Holz hat schliesslich ein Schicksal.
Während sich langsam wieder Gefühl in Finger und Gesicht einschleicht, wird das restliche Material herbeigeschafft.
Durch Schnee.
Viel Schnee.
In mehreren Etappen.
Niemand spricht darüber – man macht es einfach und tut später so, als wäre es nichts gewesen.
Der Grillrost wird bereitgestellt.
Ein heiliger Moment.
Denn jetzt ist klar: Nachtessen.
Cabanossi.
Verdient.
Keine Diskussion, keine Beilage, keine Schuldgefühle.
Reines Überleben mit Geschmack.
Einer von uns ist on fire.
Zu viel Adrenalin, zu viel Norden, zu wenig Müdigkeit.
Er muss raus.
Unbedingt.
Die Nacht geniessen, Nordlicht suchen, die ersten völlig wahnsinnigen Fotos machen, die später niemand richtig beurteilen kann, weil man selbst dabei war.
Der Rest der Truppe krümelt herum, organisiert, sortiert, verlegt Dinge, findet sie wieder und entscheidet, dass das später auch noch reicht.
Irgendwann – niemand weiss genau wann – gehen die letzten zu Bett.
Mit diesem unglaublich befriedigenden Gefühl, das man nicht planen kann:
Heute haben wir es allen gezeigt.
Der Logistik.
Dem Wetter.
Dem Flugplan.
Und ein bisschen auch uns selbst.
Jede Entscheidung war richtig.
Jede Umleitung wertvoll.
Jede Sekunde nötig.
Licht löschen.
Stille.
Kelohovi atmet.
Bis morgen.