10. Tag Mo 19.1.26

Das Aufwachen aus meinem Liege- und Schlafplatz ist jeden Morgen aufs Neue ein kleines Erlebnis.

Nicht wegen der Schlafqualität – sondern wegen des Ausblicks, der bei diesem Wetter einfach unverschämt gut ist.

Über die Jahre hat sich irgendwie ergeben, dass ich genau diesen Platz habe. Ganz sicher aus reinem Zufall.

Oder weil ich dadurch morgens am schnellsten in der Küche stehe.

Man weiss ja nie, wann sofort Kaffee benötigt wird.

Der 10. Tag startet also mit einem Bilderbuchblick in die Winterlandschaft direkt vor unserer Tür. Sonne, Schnee, Ruhe – alles perfekt arrangiert, als hätte jemand extra für uns dekoriert.

Zeit aufzustehen.

Nicht, weil man muss.

Sondern weil es fast schon fahrlässig wäre,

bei so einem Morgen liegen zu bleiben.

Der peinliche Moment des Tages lässt nicht lange auf sich warten.

Wir versuchen ernsthaft, einen Früchteteller nachzubauen.

Der Versuch endet…

in einer optischen Katastrophe.

Mit viel gutem Willen.

Ohne jede Ästhetik.

Aber immerhin:

Ein paar Vitamine sind vorhanden. Und wie sich später herausstellt, sind diese an diesem Tag von eminenter Bedeutung. Schönheit ist überbewertet, Wirkung zählt.

So sind wir nun einen Frühstücker weniger am Tisch.

An der Menge ändert das allerdings gar nichts.

Kelohovi-Regel Nummer irgendwas:

Egal wie viele Leute da sind –

das Frühstück bleibt gleich gross.

Ein kurzes Briefing muss trotzdem sein, zumindest theoretisch. Der Tag könnte ungefähr so aussehen: ein bisschen Abwasch, das Tagebuch nachführen, draussen an der Bobbahn vor dem Haus weiterbauen. Nichts Wildes, alles machbar.

Am Abend wird es dann wie gewohnt etwas ambitionierter. Nachtessen, ein Film, vielleicht ein bisschen Nordlicht, wenn der Himmel gnädig ist. Danach Sauna, Jacuzzi, Zigarren, Whisky – und weil wir uns kennen, ganz sicher noch ein weiterer Film.

So zumindest der Plan.

Wie viel davon tatsächlich umgesetzt wird, steht wie immer auf einem ganz anderen Blatt.

Wir bearbeiten weiter den gross aufgeschütteten Schneehaufen und versuchen daraus mit ernster Miene eine Bobbahn zu formen. René hat zu diesem Zweck sogar seine Bobmodelle mitgenommen, die nach Abschluss der Bauphase standesgemäss eingeweiht werden sollen. Planung, Ehrgeiz, grosses Kino.

Das Problem zeigt sich schnell:

Styropor-Schnee bei –20 Grad ist ungefähr so formbar wie Beton mit Prinzipien. Da geht nichts. Kein Drücken, kein Ziehen, kein gutes Zureden.

Also brauchen wir einen Plan.

Und wie so oft haben wir ihn schneller, als er vernünftig wäre.

Wer erinnert sich noch an die alte Video-Leinwand, die wir jeweils mit der Wassersprühflasche bearbeiten mussten, damit sie endlich sauber hängt? Genau. Diese Flasche.

Und was liegt näher, als sie jetzt mit heissem Wasser aus dem Jacuzzi zu füllen und damit unsere Bobbahn zu bauen.

Improvisation?

Nein.

Erfahrung.

Für einen Kaffee ziehen wir uns kurz in die Stube zurück. Aufwärmen, durchatmen, Tasse in die Hand – Pflichtprogramm.

Während des Urlaubs schauen wir grundsätzlich nicht oft aufs Handy. Zumindest erzählen wir uns das gern. Und doch merken wir heute: Es gibt ein paar Apps, die wir tatsächlich brauchen. Nicht für Likes, nicht für Drama – sondern für das tägliche Überleben.

Zum Beispiel das Wetter.

Oder die Polarlicht-App.

Ein kurzer Blick darauf schadet nicht. Im Gegenteil. Man weiss ungefähr, was auf einen zukommt, ob Sonne eine Chance hat oder ob die Nacht klar wird. Und ob man eventuell etwas Wichtiges verpassen würde, wenn man einfach nur stur weiter Kaffee trinkt.

Digitaler Minimalismus,

aber mit Ausnahmebewilligung.

Ich bereise das Kelohovi seit 1999, mit gerade einmal zwei Unterbrüchen. Einer der Hauptgründe war und ist die gute, feine Zeit mit Freunden. Aber es wäre gelogen zu sagen, dass das Nordlicht dabei keine grosse Rolle spielt. Es hat uns nie mehr ganz losgelassen.

Und wir hatten Glück.

Fast jedes Jahr konnten wir solche Momente erleben und mit Bildern festhalten. Erinnerungen, die bleiben, auch wenn man längst wieder zuhause ist.

Letztes Jahr allerdings hat es uns hart erwischt.

So richtig.

Plusgrade.

Regen.

Und vom Nordlicht: nichts.

Kein Flackern, kein Schimmer, keine Ausrede.

Das hat uns ordentlich gebeutelt und uns stellenweise tatsächlich an den Rand des Verzweifelns gebracht.

Lappland kann gnädig sein.

Aber es kann auch sehr konsequent Nein sagen.

Wir sind uns ziemlich sicher, ihr ahnt genau, was jetzt kommt. Man hat ja weltweit gesehen, was passieren kann, wenn der Himmel plötzlich meint, er müsse liefern. Der Blick auf die App am Nachmittag ist trotzdem erst mal irritierend. Nicht spannend, nicht hoffnungsvoll – irritierend. Alle drei Apps zeigen das Gleiche. KP 8.

Kurz herrscht Stille. Dann Gelächter. KP 8? Ernsthaft? Das ist dieser Wert, bei dem man normalerweise sagt: ja klar, und morgen schneit es Geld. KP 8 bedeutet Nordlicht in einer Qualität, bei der man sich fragt, ob man noch richtig steht – vorausgesetzt natürlich, der Himmel ist klar und Sterne sind sichtbar.

Und genau deshalb glauben wir kein Wort. KP 8 ist nichts, was einfach so passiert. Das ist selten. Richtig selten. So selten, dass man eher an einen Softwarefehler glaubt als an Glück. Unsere erste Reaktion ist deshalb nicht Euphorie, sondern Skepsis. Ein Scherz. Ein Bug. Oder Lappland hat beschlossen, uns noch einmal ganz gezielt an der Nase herumzuführen.

Je länger wir uns mit diesem KP-8-Thema beschäftigen, desto mehr macht sich Hektik breit. Gedanken überschlagen sich, Fragen tauchen auf, und plötzlich geht es nur noch darum, ob alles Material bereit ist, um alles festzuhalten. Ist die Nacht klar? Was müssen wir tun, um ready zu sein?

Die erste logische Konsequenz ist radikal, aber notwendig: Das Nachtessen wird abgesagt. Prioritäten verschieben sich. Schliesslich wurde dieser KP-8-Alarm bereits morgens um acht angekündigt, und bei Tageslicht entfaltet so ein Spektakel nun mal nicht die volle emotionale Wucht.

Also beginnt das Warten. Und das Rennen. Alle fünfzehn Minuten stürmen wir nach draussen. Nicht, um Nordlicht zu sehen – dafür ist es noch zu früh –, sondern um die entscheidende Frage zu klären: Sind Sterne da?

Denn Sterne sind der Schlüssel. Und wir wissen: Unser Kelohovi sitzt genau in diesem magischen Slot, der praktisch immer einen klaren Sternenhimmel liefert, wenn der Rest der Welt schon längst aufgegeben hat.

Das beruhigt.

Ein bisschen.

Bis zur nächsten Viertelstunde.

Der Letzte von uns, der vom Fotografieren eher so theoretische Grundkenntnisse besitzt, macht sein Equipment ready und lässt sich noch auf einen kurzen Lehrgang bei René ein. Rückblickend betrachtet: absolut goldig. Ehrlich. Danke dafür.

Dann geht’s raus zum Testlauf. Lernen durch frieren. Und siehe da – die ersten Lichter am Himmel sind tatsächlich zu sehen. Kein Zweifel mehr. Kein Einbilden. Echt.

Wir werden merklich nervös. Hoffen inständig, dass der Himmel offen bleibt. Schnell ein paar Fotos, mehr Gefühl als Technik, Hauptsache festhalten.

René installiert derweil am See seine Profi-Kameras. Ruhig. Konzentriert. Als wäre das alles völlig normal.

Und wir?

Wir hoffen einfach.

Ein echtes Novum:

Der Koch streikt.

Grund: KP 8.

Und das ist ein Argument, das selbst im Kelohovi unanfechtbar ist. Nach ein paar Sandwiches wird die Küche offiziell geschlossen. Das muss reichen. Mehr gibt es heute nicht. Prioritäten wurden neu verteilt.

Während wir also tatsächlich Sandwiches essen – statt geschnetzeltem Rentier mit Rösti, das es dann halt morgen gibt – starten wir parallel einen Film. Nicht aus Filmbegeisterung, sondern aus taktischen Gründen.

So bleiben wir in Reichweite der Wärme, halb entspannt, halb sprungbereit. Jederzeit bereit, ins Geschehen einzugreifen, wenn’s losgeht. Denn begonnen hat es ja schon. Noch sehr bescheiden, fast schüchtern. Aber da.

Und seien wir ehrlich:

Es bringt nichts, schon jetzt am See bei –20 Grad zu stehen, wenn das grosse El Spektakolo erst später kommt – und wir dann bereits komplett durchgefroren sind.

Kelohovi denkt voraus.

Auch beim Streiken.

Mit dem ersten Film G20, den wir in mehreren Etappen schauen – weniger aus Interesse, mehr zum Aufwärmen und Akku-Nachladen – beginnt draussen gleichzeitig das eigentliche Spektakel. Der Himmel des Nordens legt los. Und offenbar auch der Rest der Welt.

Man sieht ja, was es bedeutet, in der Schweiz Nordlicht zu sehen. Ein Ereignis. Ein Ausnahmezustand. Ein kollektives Ausrasten. Und genau da wird einem erst bewusst, was bei uns gerade passiert.

Denn wir stehen nicht irgendwo.

Wir stehen mittendrin.

Kein zartes Flackern.

Kein vorsichtiges Hoffen.

Wir stehen in einem KP 8.

Und zwar in Lappland.

Das Gefühl dabei ist schwer zu beschreiben. Eine Mischung aus Unglauben, Glück, Staunen und diesem leisen Gedanken: Das kann jetzt nicht wirklich passieren. Tut es aber.

Absolutes Glücksgefühl.

Eiskalt draussen.

Und innerlich komplett am Überkochen.

Wir stehen auf dem gefrorenen See und glauben schlicht nicht, was da gerade passiert. Wir verstehen nicht einmal richtig, was das mit uns macht. Es fühlt sich an, als würde der Himmel explodieren – als hätte jemand beschlossen, heute Abend einfach alles rauszuhauen.

Zwischendurch hoffen wir immer wieder fast panisch, dass wir wirklich alles in den Kasten kriegen. Nicht für uns. Für Tom. Damit auch er ein Teil davon sein kann, wenigstens ein bisschen. Das ist der einzige kleine Wermutstropfen in dieser sonst vollkommen mystischen Nacht.

Und trotzdem geniessen wir jede einzelne Sekunde. Voll. Ungebremst. Ungläubig.

Währenddessen dämmert langsam eine Erkenntnis: Wir sind gerade Teil von etwas Legendärem. Von einer Sache, die man vielleicht nur einmal im Leben so erlebt – wenn überhaupt.

Aber noch sind wir hier.

Noch passiert es.

Und wir stehen mitten drin.

Wir wiederholen x-mal den Gang zurück ins Jacuzzi und wieder in die Stube. Auftauen, halbwegs wieder Mensch werden, dann etappenweise ein paar Minuten vom Film schauen, bis die Wärme zurück in den Körper findet. Zwischendurch werden Snacks vernichtet, und diverse wärmeführende Hilfsmittel zu uns genommen – rein medizinisch, versteht sich.

Irgendwann läuft schon der nächste Film, Absolution. Die Idee mit dem Film ist inzwischen reine Nebensache. Wir sind so ausser uns, dass wir dafür emotional schlicht nicht mehr verfügbar sind. Der Film läuft einfach. Ohne Anspruch auf Aufmerksamkeit.

Er dient nur noch als bewegtes Hintergrundgeräusch zwischen Himmel, Hitze, Kälte und völliger Überforderung. Und das ist auch völlig okay.

Am Himmel geht es mehr oder weniger genau so weiter, und wir sind einfach nur glücklich, das erleben zu dürfen. Kein Steigern mehr nötig, kein Wunsch offen – nur dieses dauerhafte Staunen, das langsam müde macht, ohne leiser zu werden.

Irgendwann in der Nacht lassen wir zur Sicherheit einen Wachbleiber-Film laufen: Die Rache der Polly McClusky. Der höchste Peak wird ohnehin erst am Morgen erwartet, also versucht man, irgendwie im Spiel zu bleiben. Mit mässigem Erfolg.

Mit ziemlicher Sicherheit haben wir nur Teile dieses Films mitbekommen. Was auch erklärt, warum der klassische Filmschläfer wieder zuschlägt und sich komplett abmeldet. Keine Chance. System heruntergefahren.

René bringt noch seine Kameras in Sicherheit, kontrolliert ein letztes Mal alles mit professioneller Ruhe – und macht sich dann ebenfalls auf den direkten Weg nach Schlafland.

Der Himmel bleibt wach.

Wir irgendwann nicht mehr.

Nachtrag, die Hammer-Bilder kommen noch

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